Deutsch-indische Justizzusammenarbeit: Für mehr Rechtssicherheit im grenzüberschreitenden Geschäftsverkehr
Am 26. August 2026 traf Indiens Chief Justice, der Honourable Mr. Surya Kant, in Karlsruhe den Vorsitzenden Richter des Bundesgerichtshofs, Dr. Ulrich Herrmann. Bei dem Treffen ging es unter anderem um den ethisch verantwortungsvollen Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) in der Rechtspflege, die Möglichkeiten der grenzüberschreitenden Mediation und die Frage, wie die Zusammenarbeit zwischen den beiden Justizsystemen weiter vertieft werden kann. Die Richter sprachen außerdem über mögliche gemeinsame Aktivitäten, darunter gegenseitige richterliche Besuche, gemeinsame Workshops und die Beobachtung von Gerichtsverfahren. Auch ein Austausch von Mitarbeitenden aus den Geschäftsstellen und technischen Teams wurde erörtert.
Für deutsche Unternehmen ist insbesondere das Thema der grenzüberschreitenden Mediation von Bedeutung. Indien hat zwar das Singapur-Übereinkommen über Mediation unterzeichnet, es bislang jedoch nicht ratifiziert. Deutschland ist dem Übereinkommen ebenfalls noch nicht beigetreten. Die international anerkannten Best Practices der Mediation gelten daher nicht automatisch für grenzüberschreitende Rechtsstreitigkeiten zwischen indischen und deutschen Parteien. Indien hat jedoch mit dem Mediationsgesetz von 2023 einen gesetzlichen Rahmen für die Durchführung von Mediationen und die Durchsetzung der daraus hervorgegangenen Vereinbarungen geschaffen. Nach den vorliegenden Berichten ging es in Karlsruhe auch um die Anerkennung und Vollstreckung von Vergleichen, die im Rahmen einer Mediation erzielt wurden, sowie um die Ausbildung von Mediatoren, die in Fällen mit Bezug zu Indien und Deutschland tätig sind.
Während seines Besuchs hielt Chief Justice Kant zudem die Keynote beim Indo-German Arbitration Conclave in Berlin. Dabei betonte er die Bedeutung der Schiedsgerichtsbarkeit als Instrument der Streitbeilegung und die Rolle staatlicher Gerichte als unterstützende Institutionen. Die unter dem Thema „Exploring Bilateral Avenues for Efficient Commercial Disputes Resolution“ veranstaltete Konferenz brachte Rechts- und Schiedsexperten aus Indien und Deutschland zusammen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie die Zusammenarbeit in den Bereichen Schiedsgerichtsbarkeit, Mediation und der Beilegung von Wirtschaftsstreitigkeiten weiter vertieft werden kann. Der Besuch von Chief Justice Kant dürfte insbesondere deutschen und anderen europäischen Unternehmen, die in Indien tätig werden möchten, zusätzliches Vertrauen geben. Sollte die vereinbarte Zusammenarbeit tatsächlich umgesetzt werden, dürfte dies auch dazu beitragen, das Verständnis dafür zu verbessern, wie indische Gerichte mit wiederkehrenden Fragen im Zusammenhang mit Schiedsverfahren umgehen. Die Rolle staatlicher Gerichte ist in einem Schiedsverfahren grundsätzlich begrenzt. Dennoch können sie beispielsweise um vorläufigen Rechtsschutz ersucht werden, bei der Bildung eines Schiedsgerichts unterstützen und unter bestimmten Umständen einen Schiedsspruch vollstrecken oder aufheben. Die Wahl des Schiedssitzes in einer Schiedsvereinbarung ist daher von entscheidender Bedeutung, da die Gerichte am Schiedssitz für bestimmte Fragen im Zusammenhang mit dem Schiedsverfahren zuständig sind.
Die deutsche und die indische Justiz arbeiten innerhalb unterschiedlicher Rechtstraditionen und institutioneller Rahmenbedingungen. Treffen wie dieses beseitigen diese Unterschiede nicht vollständig. Die können jedoch dazu beitragen, das jeweils andere System besser zu verstehen. Das ist nicht nur für die weltweite Stärkung der Rechtsstaatlichkeit von Bedeutung. Gerade bei grenzüberschreitenden Handelsgeschäften kann ein besseres Verständnis des jeweils anderen Rechtssystems auch die Beilegung von Streitigkeiten erleichtern. Der Zeitpunkt des Treffens ist dabei besonders passend. Die Handelsbeziehungen zwischen Indien und Deutschland dürften sich mit dem Inkrafttreten des EU-Indien-Freihandelsabkommens weiter vertiefen. Dieses baut auf einer bestehenden und wertvollen Handels- und Investitionsbeziehung zwischen Indien und Deutschland auf.
Für deutsche Unternehmen, die in Indien geschäftlich tätig sind, bleiben diese Entwicklungen auch bei einzelnen Transaktionen und Streitigkeiten relevant. Die Entscheidung zwischen einem Gerichtsverfahren, einem Schiedsverfahren und einer Mediation sowie die Frage, in welchem Land ein Urteil, ein Schiedsspruch oder ein Vergleich letztlich durchgesetzt werden muss, setzen voraus, dass die jeweiligen deutschen und indischen Rechtsrahmen sowie ihr Zusammenspiel berücksichtigt werden. Dabei geht es nicht nur darum, die jeweiligen Rechtsvorschriften miteinander zu vergleichen. Entscheidend ist vielmehr die Frage, wie eine Transaktion, die nach den Vorgaben eines bestimmten Rechtssystems gestaltet wurde, funktioniert, wenn sie in einem anderen Rechtssystem beurteilt werden muss. Der Austausch zwischen Chief Justice Surya Kant und Dr. Ulrich Herrmann verändert diese rechtlichen Rahmenbedingungen vorerst nicht. Seine Bedeutung liegt vielmehr darin, dass die beteiligten Institutionen und Juristen das jeweils andere System zunehmend besser verstehen. Je enger und komplexer die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Indien werden, desto wichtiger wird es, beide Rechtssysteme und auch ihr Zusammenspiel zu durchdringen.
Zum Weiterlesen:
Government of India ‘India-Germany Joint Statement’ (12 January 2026).
LiveLaw, ‘Indian and German Judiciaries have much to learn from each other: CJI Surya Kant’ LiveLaw (27 August 2026)
Suchitra Kalyan Mohanty, ‘Tech, AI must help make justice more accessible: CJI Surya Kant’ The New Indian Express (28 August 2026)
German-Indian Judicial Cooperation: Towards Greater Legal Certainty for Cross-Border Business
On 26th of August 2026, India’s Chief Justice, Honourable Mr. Justice Surya Kant, met Dr. Ulrich Herrmann, the presiding judge of the Federal Court of Justice in Karlsruhe, Germany. This meeting included discussions around the ethical use of artificial intelligence in the administration of justice, the scope of cross-border mediation, and the need for closer institutional cooperation between the two judicial systems. The judges also discussed the possibility of cooperation through reciprocal judicial visits, joint workshops, and observation of proceedings, along with the exchange of employees who work in the registries and technical teams.
For German businesses, the most significant takeaway from the topics discussed in this meeting is the scope of cross-border mediation. It must be noted that while India has signed the Singapore Convention on Mediation, it has not yet ratified it. While Germany is still not a signatory to the Convention, this is why the global best practises on mediation do not become automatically applicable to disputes that transcend the boundaries of Indian and German law. However, India has brought in the Mediation Act of 2023 to provide an institutionalised method of conducting mediation and of enforcing the mutually agreed-upon results of the mediation. The Karlsruhe discussions reportedly included recognition and enforcement of mediated settlements and the training of mediators dealing with India–Germany matters.
During his visit, Justice Kant also delivered the keynote address at the Indo-German Arbitration Conclave in Berlin, where he talked about the importance of arbitration as a mode of dispute resolution and the ideal role of courts as supporting institutions. Held under the theme “Exploring Bilateral Avenues for Efficient Commercial Disputes Resolution”, the conclave brought together legal and arbitration professionals from India and Germany to consider closer cooperation in arbitration, mediation and commercial dispute resolution.
This visit of Justice Kant should further the comfort of European and especially German businesses that want to work in India. If the agreement on cooperation and working together is effectuated, it will increase familiarity with the way in which Indian courts approach recurring issues in arbitration. Even though courts have a limited role to play in theory in an arbitral proceeding, they can be asked to provide interim relief, help with the constitution of a tribunal, and, in certain instances, enforce the award or even set aside the award. This is why the decision for the seat of arbitration in an arbitral agreement is of pivotal importance, since the courts of the seat of arbitration are conferred with the jurisdiction to settle disputes arising out of the said proceedings.
The German and Indian judicatures operate within different legal traditions and institutional environments, and although meetings like this do not eliminate those differences, they do allow for better understanding of the other system. This understanding is not only important for the promotion of the rule of law across the world, but also, more specifically, to further the ease of dispute resolution for transnational commercial transactions. The timing of this meeting is particularly apt, as the commercial ties between India and Germany are set to deepen with the enforcement of the EU-India FTA, which builds on an already substantial trading and investment relationship.
For German companies doing business in India, these developments will remain relevant at the level of individual transactions and disputes. The choice between litigation, arbitration and mediation, and the jurisdictions in which a judgment, award or settlement may ultimately need to be enforced, requires consideration of how the Indian and German legal frameworks operate individually and in relation to one another. This is not simply a question of comparing rules, but requires an understanding of how a transaction structured with the assumptions of one legal system in mind may function when tested in another. The recent judicial and arbitral exchanges between CJI Surya Kant and Dr. Ulrich Hermann do not change those frameworks. Their relevance lies instead in a gradual increase in familiarity between the institutions and practitioners who work within them. As the commercial relationship becomes deeper and more complex, that ability to understand both the systems of Germany and India, and the space between them, becomes increasingly important.
References:
Government of India ‘India-Germany Joint Statement’ (12 January 2026).
LiveLaw, ‘Indian and German Judiciaries have much to learn from each other: CJI Surya Kant’ LiveLaw (27 August 2026)
Suchitra Kalyan Mohanty, ‘Tech, AI must help make justice more accessible: CJI Surya Kant’ The New Indian Express (28 August 2026)




